Mit Yer Su liegt nun auch das mitlerweile fünfte Album der bulgarischen Folk-Avantgarde-Formation Svarrogh vor, die auf dieser Scheibe eindrucksvoll beweisen, dass man eine CD auch gut mal ausfüllen kann. Während es im Jahr 2008 beinah schon Trend geworden zu sein scheint, Alben zu machen, die mit unter 40 Minuten Spielzeit nah an der Grenze dieser Bezeichnung sind, bieten Svarrogh mit diesem Album gleich 78 Minuten an und loten die mögliche Spieldauer beinah optimal aus. Soviel zum ökonomischen Aspekt – wichtiger aber: Der Inhalt. Der Terminus „Folk Avantgarde“ fiel ja bereits und charakterisiert auch gut das, was diese CD dem Hörer bietet. Nämlich avantgardistischer Folk, der sehr schamanisch anmutet.

Mit Neofolk im herkömmlichen Sinne lässt sich Yer Su schwer assoziieren, denn von ruhiger, akustischer Gitarrenmusik ist das Album dann doch zu weit entfernt. Die Bulgaren selbst bezeichnen die Musik in der Album-Info als Post Folk – Bulgarian Neofolk – Folklore Avantgarde und bezeichnen damit einen guten Großraum, in dem sich das Album abspielt. Yer Su ist dabei nicht nur der Name des Albums, sondern bezeichnet die Erd-Wassergeister im Tengrismus, dem einstigen Glauben aller türkischen und mongolischen Völker Kleinasiens. Und wer hier nun der Querverweis zu den Klängen auf dem Album findet, liegt genau richtig, denn der Hörer wird klanglich in genau diese Welten ins Balkangebirge entführt.

Der Begriff schamanisch fiel einleitend schon, ergänzen kann man ihn um beschwörend und rituell. Eben passend zur dargestellten Welt. Sphärische Klänge, erzeugt durch Sackpfeifen, Flöten, Klarinetten, Tamburin, ergänzt um wuchtige Gitarren und beschwörende Gesänge ergeben ein positiv eigenwilliges Klangbild, bei dem Klangwände entstehen, die eine beeindruckende Intensität bewirken, durch die vielen verschiedenen Instrumente vielseitig sind und oft harmonisch wirken, aber auch gerne zwischendurch mal die bewusste Disharmonie zelebrieren und die Klänge somit oft in die Nähe von Post-Industrial-Strukturen rücken.

Gelegentlich ist es schwer, auf Yer Su so richtig die Übergänge von einem Stück zum anderen festzumachen. Das spricht in diesem Fall aber für das Album, denn es ändert nichts an der Vielseitigkeit und dessen Abwechslungsreichtum, sondern unterstreicht vielmehr den rituellen Charakter. Das ganze Album wirkt somit in sich geschlossen und erweckt den Eindruck eines fast achtzig-minütigen Rituals. Und zwar einem Ritual, das fesselt und packt. Somit also auch ein Ritual, das man gerne wiederholt. Da hat man als Hörer das große Glück, dass die Widerholung sehr einfach ist: Einfach noch einmal die CD von vorne beginnen. Ein Album, das sicherlich nicht sofort zugänglich, dafür aber sehr hochwertig und begeisternd ist.

MySpace: www.myspace.com/svarrogh

Text: Marius Meyer