Rezensionen & Tonträger Marius, 05.09.2008
Sven Regener liest “Der kleine Bruder”
Parallel zum Erscheinen des Buches erscheint der dritte Teil von Sven Regeners Lehmann-Trilogie auch als ungekürzte Autorenlesung auf ganzen fünf CDs mit einer Länge von fünf Stunden und vierundzwanzig Minuten. Zwar erscheint das Werk als drittes, jedoch ist es eigentlich der Mittelteil, der zwischen Neue Vahr Süd und Herr Lehmann gehört. Dabei versetzt Regener den Hörer nach Berlin-Kreuzberg im November 1980, wo im Schatten der Mauer ein Parallel-Universum gedeiht, bestehend aus vermeintlichen Künstlern, Lebenskünstlern, Hausbesetzern, Kneipenbesitzern wie –besuchern, Punks, Bier und dem vollen Programm.
In diese Welt gerät Frank Lehmann kurz nachdem er es geschafft hat, die Bundeswehr zu verlassen, indem er – Mandrax sei Dank – einen Selbstmordversuch vortäuschte. Ein neues Leben soll beginnen, also setzt er sich in sein Auto, nimmt seinen Bekannten Wolli mit, fährt über die Transit-Strecke nach West-Berlin und begegnet dort allen Beteiligten ebendieser Welt. Allen, außer seinem eigentlich dort lebenden Bruder, über dessen Aufenthaltsort niemand so recht Bescheid zu wissen scheint, außer dass er vielleicht nach New York gewollt hatte. Oder vielleicht in West-Deutschland Geld machen würde. Dies steht aber für die Beteiligten außer Frank eher im Hintergrund. Stattdessen „darf“ Frank anstelle seines Bruders erst einmal an einem so genannten Plenum teilnehmen, wo er erfährt, dass er – anstelle seines Bruders und mit dessen Sachen – umziehen muss, da (Onkel) Erwin den Platz von nun an für seine schwangere Helga benötigt.
Im Laufe der Geschichte entstehen immer und immer wieder skurrile Situationen, die Sven Regener sehr authentisch darzustellen vermag. Beispielsweise gleich am Anfang, als es um die Weihnachtsmesse geht, die sich bald als „Bettnässers Weihnachtsmesse“ rausstellt. Ein Punk-Konzert, bei dem Frank gleich solche Lebens- und Überlebenskünstler wie Dr. Fotz und P. Immel kennenlernt. Bekanntschaften, die zu immer weiteren skurrilen Situationen und sehr eigenen Dialogen führen. Daneben gibt es viel zu lernen, beispielsweise infolge der Abrechnung nach der Weihnachtsmesse über den Eier-Dieb-Effekt, bei dem es darum geht, dass jemand auf der Veranstaltung verkauftes Bier an der Gewinnaufteilung vorbeischleust, da er selbst auch erst eingeschleust hat.
Dennoch verliert Frank Lehmann im Verlauf der Story nie sein eigentliches Ziel: Die Suche nach seinem Bruder, die zu einem aussichtslosen Unterfangen zu werden scheint. Mit dieser ganzen Geschichte im Hintergrund ist es Sven Regener gelungen, ein äußerst fesselndes und spannendes Hörbuch aufzunehmen, das stets mit Witz daherkommt und dem Hörer Spaß macht, da man eben auch nie weiß, was als nächstes passiert. Einzig und allein die Leseweise ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig, da Regener ein hohes Tempo an den Tag legt, das zu Beginn irritierend wirkt. Aber an dieses Tempo hat man sich schnell gewöhnt – spätestens dann, wenn man in der Handlung steckt, denn dann will man wissen, wie es weiter geht. Und das hört auch bis zum Schluss nicht auf, so dass die lange Spieldauer einem weitaus kürzer erscheint.
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Text: Marius Meyer