Rezensionen & Tonträger Marius, 14.06.2007
The White Stripes - Icky Thump
14. Juli 1789: Der Sturm auf die Bastille. 208 Jahre später, am 14. Juli 1997: Die Gründung der White Stripes. Während sich der Sturm auf die Bastille nun also seinem 218. und damit einen eher unspektakulären Jubiläum nähert, näheren sich die White Stripes ihrem zehnjährigen Jubiläum – nicht, ohne vorher noch mit Icky Thump ein neues und damit das sechste Album ihrer Karriere zu veröffentlichen. Insgesamt steht das Album musikalisch unter dem Stern des Garagenrock, der hier allerdings auch allerhöchstens als Oberbegriff gelten kann. Zu mannigfaltig sind die Einflüsse und Eigenheiten, die dieses Album ausmachen: Blues, (amerikanischer) Folk, teilweise sogar metallisch anmutenden Klänge, neuerdings auch ein Dudelsack und dazu die authentische Verschrobenheit Jack und Meg Whites.
Genie & Wahnsinn ist ein Begriffspaar, das gerne und dabei leider auch zu inflationär genutzt wird, aber bei der neuen Veröffentlichung der White Stripes ist es wohl das zutreffendste Begriffspaar, das zur Charakterisierung nur denkbar ist. Genialität im Songwriting trifft auf Wahnsinn bei der Umsetzung – Wahnsinn in einer Art und Weise, wie er gerne mal in positiver Weise im saloppen Sprachgebrauch gemeint ist, wenn man etwas gut gemeint als „krank“ bezeichnet. Die Songs sind größtenteils rau und wild gehalten, so wie man es von einer Band mit Wurzeln im Garagenrock erwartet. Nicht zu überhören sind dabei die Einflüsse: Bluesige Einflüsse trotz allem stampfenden Vorantreiben sind beispielsweise in You don’t know what love is (you just do as you’re told) zu finden, einem veritablen Hit der Platte mit Ohrwurm-Potenzial. Überraschend dann der Dudelsack in Prickly thorn, but sweetly worn, der in einem der melodischen Momente der CD starke Folkprägungen zeigt, die im direkt angeschlossenen St. Andrew (The battle is in the air) allerdings auch direkt zur Verstörung pervertiert werden.
An anderer Stelle auf einmal eine Härte, die auch unerwartet erscheinen mag: Little Cream Soda mit einer stark verzerrten Gitarrenwand und leichtem Metal-Einschlag. Ein stilistisches Potpourri, das auch seine ruhigen Momente hat: A martyr for my love for you lässt das vorangegangene Gewitter stellenweise ein wenig vergessen und hat eine leicht balladeske Grundtendenz. Trotz aller stilistischen Divergenzen: Es erscheint gehört nicht so zusammenhangslos, wie die Beschreibungen es erahnen lassen könnten. Immer ist klar hörbar: Die White Stripes waren am Werk. Im Ganzen ist das Album rau, rockt und hat viele verstörende Momente, dabei viele Einflüsse. Dennoch gibt es diese Momente, in denen man sich fragt, wo eigentlich der rote Faden geblieben ist. Es geht wild zu, kracht, scheppert, verstört. Doch just, wenn man sich diese Frage gestellt hat, begegnen einem wieder diese Stellen, aus denen die Genialität des Songwritings wieder heraussticht. Genie & Wahnsinn eben – und genau dieses Paar bewirkt den roten Faden.
Wer auf diesem Album eine zweite Seven Nation Army sucht, sucht unter Umständen vergebens. Dies wäre allerdings auch das falsche Herangehen an ein komplexes Werk einer komplexen Band. Gerne wird mit dem Songformat gespielt – der Song an sich geht nie verloren und der Faden immer wieder aufgegriffen, aber verstörende Zwischentöne begegnen immer wieder. Mit Icky Thump ist ein Album gelungen, das dem Hörer gerade ob seiner Verschrobenheit Spaß macht und dabei vor allem eines ist: Authentisch. Es ist zu erwarten, dass dieses Werk am Jahresende in vielen Jahresendabrechnungen weit oben stehen wird. Alles andere wäre allerdings auch nicht gerechtfertigt…
Homepage: www.whitestripes.com
MySpace: www.myspace.com/thewhitestripes

Text: Marius Meyer