Rezensionen & Tonträger Tristan, 21.07.2009
Thee Maldoror Kollective - Need the Needle
Manchmal können Unordnung und Chaos so wunderschön sein. Zumindest, wenn es so klingt wie auf Need the Needle von den Italienern von T/M/K stammt, was sonst für Thee Maldoror Kollective steht, hier aber auch Textbook of Modern Karate bedeuten soll. Diese bieten auf Need the Needle eine sehr krude Mischung aus Rock, Industrial, Ambient und Klassik und bringen den Hörer mit diesem akustischen Hybrid an die Grenzen seiner Hörgewohnheiten. So schwankt das Album zwischen elektronischen Soundscapes, psychedelischen Rockeinflüssen, plötzlich erklingenden Blasinstrumenten oder Streichern und vielem anderen hin und her. Ohne, dass man darauf gefasst sein kann, was einen als nächstes erwartet…
So ist der Opener 3 Pennies National Messiah eine düstere Klangcollage, in der Rauschen und Störgeräusche auf Sprachsamples und chorale Gesänge treffen. Comin’ to a Town near you ist wiederum psychedelisch und erinnert an eine Mischung aus Reggae und Psychedelic Rock, welche gegen Ende in manischem Geschrei zu endet. Bei The Siamese Eraser werden die zu Beginn kaum wahrnehmbaren Gitarrenriffs immer lauter, nur um dann zu verstummen, sich mit dem Klang von Morsezeichen zu verbinden und dann in den Klängen eines Klaviers und Bläsern zu Enden, die vom Ticken einer Uhr begleitet sind. So werden Sprachsamples, Chöre und Klangschnipsel aus der Klassik mit elektronischen Geräuschen verbunden. Dabei tauchen all diese mitunter völlig unerwartet auf und verschwinden gleich wieder.
Normale Liedstrukturen werden dabei meistens komplett außer Acht gelassen. Harmonie, Rhythmus, Melodie? Fehlanzeige! Stattdessen wirkt das Album wie ein reißender Fluss, bei dem man nie weiß, in welche Richtung er weiterfließen wird, wann Stromschnellen kommen oder wann und wo Felsen unter seine Oberfläche auf einen zu unachtsamen Schwimmer warten. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass die Musik sich dabei ins Unterbewusstsein schleicht und dort wirkt wie ein Attentat: Verstörend, aufrührend, bedrohlich und einen völlig aus seinen Gewohnheiten reißend. Hier scheint nichts zusammen zu passen und dennoch alles an seinem Platz zu sein, um seine Wirkung voll zu entfalten. Für Freunde von Industrial und Ambient also genau das richtige!
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Text: Tristan Osterfeld