Rezensionen & Tonträger Lisa, 23.06.2009
Tyske Ludder – Anonymous
Wer dachte, es würde nach der letzten, sehr kontroversen, EP SCIENTific technOLOGY ruhiger um Tyske Ludder, täuscht sich: Dieser Tage ist mit Anonymous die sechste Produktion der Band erschienen. Tyske Ludder zeigen sich darauf so stark wie kaum jemals zuvor: man hat sich richtig ausgetobt und schickt den Hörer auf eine atemlose Reise quer durch die brutale Welt der elektronischen Klänge zwischen EBM und Industrial. Kurz gesagt: Anonymous ist nichts für schwache Nerven. Ein brutaler, treibender Song folgt auf den nächsten; eine Verschnaufpause darf der Hörer nicht erwarten. Temporeich und tanzbar ist das neue Album der EBM-Ausnahmeformation, die sich damit beeindruckend zurückmeldet.
„Ich bin nicht der Zerstörer“ – das sind die ersten Worte, die im Opener Frya Frisena aus den Boxen ertönen. Umgekehrte Psychologie? Destruktiv und kompromisslos sind die Klänge jedenfalls, die nun folgen. Tyske Ludder geben dem Hörer keine Chance, sich vorzubereiten – in hohem Tempo und mit krachenden Klängen zeigen sie sofort, wo es langgeht und bereiten bestens auf das Szenario vor, das sich über die gesamte CD spannt: Harte Beats, treibender Bass, verschachtelt angelegte Flächen und exzessiver Gebrauch von Samples, dazu die unverkennbaren Shouts von Z67.
Shokkz legt nach dem Opener noch einmal einen drauf. Der Song ist astreine Clubmusik und wird die Tänzer sicher herausfordern. Kombiniert mit dem brutalen, eingängigen Text ergibt sich ein provokantes Gesamtbild, das sich über das melodiösere Gebet, das schrille Psychoaktiv und Fixthebeat weiter aufbaut und mit Bastard seinen Höhepunkt erreicht. Der sexuell aufgeladene Text provoziert und geht stark in Richtung Agonoize, bleibt aber insgesamt eher flach und eindimensional. Musikalisch lässt Bastard nichts zu wünschen übrig, textlich allerdings ist dieser Song der schwächste auf der gesamten Scheibe.
Der neben Shokkz wohl tanzbarste Song des Albums ist das schon erwähnte Fixthebeat. Der Text kann als Provokation in Richtung des technoideren Publikums gewertet werden, insgesamt schlägt der Song aber genau in diese Kerbe: Clubfutter für die Massen. Shouts und Musik verschwimmen teilweise, der harte Beat gibt ein hohes Tempo vor. Es würde nicht überraschen, würde sich Fixthebeat als einer der Clubhits des Sommers entpuppen.
Narben zieht vorbei und macht Platz für das Jesus And The Gurus-Cover Panzer. Diese sehr gut gelungene Version des kriegskritischen Songs wird abgelöst vom March, der melodisch völlig aus der Reihe fällt und nach US-amerikanischen Militärhymnen klingt. Zusammen mit seinem Vorgänger eröffnet March noch einmal ein anderes Thema: Krieg. Nehmen wir noch den letzten Song, Maschinenstaat hinzu, sind wir in einem gesellschafts- und regierungskritischen Themenkomplex, der klar macht: Tyske Ludder nehmen kein Blatt vor den Mund. Egal, ob es um plumpe Provokation geht (Bastard), oder man Missstände ansprechen möchte – auch textlich ist das Trio sehr vielseitig. Musikalisch gesehen klingt das Album mit den letzten beiden Songs aus, Maschinenstaat ist eine für Anonymous-Verhältnisse ruhige Midtempo-Nummer. Dem Hörer wird nach einem atemlosen, mitreißenden Erlebnis die Möglichkeit gegeben, etwas zu Atem zu kommen, bevor das Album endet.
Tyske Ludder sind ihrem eigenen Stil treu geblieben, auf Anonymous werden Oldschool-EBM und eigene elektronische Experimentierfreude vereint. Harte Beats durchbrechen immer wieder die verschachtelten Flächen, die Tänzer unter uns werden durch diese Kompositionen zu Höchstleistungen angespornt. Texte, Samples und die unverkennbaren, aggressiven Shouts tragen zum starken Gesamtbild bei. Kurzum: Anonymous ist eine der stärksten Neuveröffentlichungen auf dem EBM- und Industrial-Sektor.
Homepage: www.tyske-ludder.de
MySpace: www.myspace.com/tyskeludder

Text: Lisa Kleinberger