Rezensionen & Tonträger Marius, 20.05.2006
Verdandi - North Country
In der germanischen Mythologie bezeichnet Verdandi eine der drei Nornen, zu denen außerdem Urd und Skuld gehören. Die Nornen bezeichnet man auch als Schicksalsgöttinnen, wobei Verdandi für „das Werdende“ steht. Die nach dieser Gottheit benannte Formation Verdandi zeigt auf ihrem Werk North Country, dass dieser Name genau so wenig zufällig gewählt ist wie der Albumname: So finden sich auf dem Album viele Stücke, in denen die nordischen Gottheiten besungen und thematisiert werden. In folkloristischem Gewand vertonen Verdandi die nordische Mystik und Magie. Dabei werden sie teilweise von prominenten Gästen wie Ian Read (Fire & Ice) und Annabel Lee (Blood Axis) unterstützt.
Die erste Gottheit der nordischen Mythologie (wenn man mal vom Bandnamen ansieht) wird gleich im Eröffnungsstück The Daughters of Ran thematisiert. Ran ist der Edda folgend der Name der Frau des Ägir - ihre Tochter sind die Wellen. Musikalisch wird das Stück untermalt durch ruhige Akustikgitarren, die in den Strophen gezupft sind und im Chorus Akkorde bieten, einem tragenden Bass im Hintergrund und Piano-Melodien, zu denen die Sängerin mit ihrer schönen Stimme die nordische Mythologie besingt. Diese Linie wird im nächsten Stück bei Freyja Dark and Bright fortgesetzt, bei dem die nordische Göttin der Fruchtbarkeit besungen wird. Neben den benannten weiblichen Gottheiten tauchen mit Loki (dem Meister der Metamorphosen), Tyr (dem Gott des Krieges und des Rechts) und anderen auch männliche Figuren aus der nordischen Mythologie auf.
Neben dem dominanten neofolkloristischen Aspekt des Albums gibt es musikalisch auch Anleihen aus dem irischen Bereich sowieso deutliche Anlehnungen an Traditionals zu entdecken. Ein Stück wie Loki the Fool könnte man, auf die musikalische Komponente reduziert, auch gut in einem irischen Pub wieder finden – die Thematik hingegen wäre hier eher untypisch. Diese Bewegung in Richtung irischer Folklore ist dabei nicht negativ zu betrachten, sondern gibt dem Album durch seine Lebendigkeit eine weitere bereichernde Facette. Sehr schön ist auch die Violine, die vor allem im traurigen, balladesken Stück Lullay begegnet, wo sie von Annabel Lee gespielt wird.
Besonders hervorzuheben sind auf dem Album noch die beiden Stücke Hymn to Tyr und Wolf in the Sky. Letzteres besticht durch den beeindruckenden gesprochenen Monolog von Ian Read, der komplett auf einer altnordischen Sprache gehalten ist, während die Hymne an Tyr am ehesten mit einem Kirchenstück vergleichbar ist: Von der Orgel tragend begleitet, begeistert hier vor allem der zweistimmige Gesang von männlicher und weiblicher Stimme.
Insgesamt bieten Verdandi auf North Country eine gute Dreiviertelstunde gelungener neofolkloristischer Kompositionen, die das Mythische, das Feminine und die Magie hervorheben und dabei dem Neofolk-Bereich eine neue Facette abgewinnen.
Verdandi bei MySpace: www.myspace.com/verdandi

Text: Marius Meyer