Sollte ich einmal meine Memoiren schreiben, dann wird sich in diesen herausstellen, dass man Virginia Jetzt! getrost zu meinen mannigfachen Jugendlieben zählen kann. Wir lernten uns eines wunderhübschen Sommers kennen und ich fand es famos, diese Leichtigkeit, diesen subtilen Kitsch, diesen Glitzer, perfekt für mein ach so anfälliges Mädchenherz. Trotzdem kam es, wie es kommen musste: Sie brachten die Seifenblase, gefüllt mit meinen waberigen Träumen, zum Platzen. Das lag zum einen sicherlich an den viel zu langen Wartezeiten zwischen den Alben, insgeheim auch mitunter an der von ihnen unerwiderten Liebe zu diversen Bandmitgliedern, aber am meisten an der von mir empfundenen Unbeständigkeit der musikalischen Entwicklung.

Schließlich sollte es nicht nur softer Pop sein, den man den Hörern bieten wollte. Rockig sollte es genauso mal klingen, sozusagen Indie-Rock für die Tanzfeen dieser Welt. Doch irgendwie haperte es genau da, das klang nicht nach den Jungs, denen mein Herz verfallen war und es herrschte lange Zeit Funkstille.

Freilich wissen wir alle, dass wundersames Herzflattern sich nicht so leicht verstoßen lässt. Vor allem dann, wenn es zu erfrischenden Veränderungen kommt, die jeglicher amourösen Bekanntschaft neuen Schwung geben können. So auch in meinem Fall. Virginia Jetzt! haben nämlich erkannt: „Wir können Popmusik und Liebeslieder.“ und scheinen einen Schlussstrich unter all die Experimente der letzten Jahre zu ziehen. Blühende Landschaften, das mittlerweile vierte Album der Brandenburger, soll das unterstreichen und zeigen, ob alte Liebe wirklich nicht rostet.
Und tatsächlich, Gefühle und rosafarbenes Treiben, wohin man nur schaut. Ganze neun Lieder sind, so schreibt es der Pressetext, Liebeserklärungen und lediglich einer der 10-Track-Platte beschäftigt sich mit der Animation der Beine zu munteren Bewegungen. Bereits der Opener So Schlägt Mein Herz gibt den Ton an, der wegweisend für den Rest des Geschehens ist. Sehr poppig und fluffig, leichte Synthesizerklänge, ungemein offen, warm und gefüttert mit zuckrigen Phrasen, die einen leicht klebrigen Abgang haben.
Stefan Zauner, der Sänger der Münchener Freiheit, übernimmt bei diesem Spektakel unerwartet die Rolle des Amor und unterstützt tatkräftig, wo es nur geht. Beim Lied Hollywood mimt er den Backgroundchor, Alles Ist Gut wiederum hat er zu einer betörenden Ode an die Beatles gemacht, die einzig und allein durch Streicher und Nino Skrotzkis Stimme auskommt. Andererseits beweisen Songs wie Du Bist Alles oder Wo Bist Du Jetzt?, dass Virginia Jetzt! ihr Handwerk verstehen und ebenfalls ohne Hilfe auskommen. Schmachtfetzen hin oder her, ein Ohr für ungemein schöne Melodien hat man und zeigt das auch. Leisegehen beispielsweise, die Trennungsballade schlechthin, lullt herrlich ein und ist somit eines der Stücke, dass das Herz sofort butterweich ummantelt.

Dennoch, selbst bei dem eigentlichen Markenzeichen der Gruppe, den Liebesliedern, hat sich etwas verändert. Blühende Landschaften ist ein zuweilen mondänes, imposantes Werk geworden. Es wird dick aufgetragen, Songarrangements und Texte sollen anscheinend immer wieder zum Gefühlsfeuerwerk führen. Doch genau da liegt der Haken, das macht es zäh. Anfangs noch schön, wirkt die Hommage an die Liebe ab einem gewissen Punkt breiig, viel zu süß und schmierig. Gerade die einfachen Lieder wie Selbstbehauptungen und Grenzen oder Mein Herz ist keine Wohnung, die auf den Vorgänger-Alben die kleinen Überraschungsmomente lieferten, fehlen vollkommen. Stattdessen wird geschmachtet und geliebt und geseufzt und das immer auf höchstem Niveau. Dadurch wird selbst der größte Ohrwurm irgendwann zum netten Nebenbei-Lied und von den anderen Stücken in die klebrige Masse seiner schlageresken Freunde hineingezogen.
Eine schlaue Person hat einmal behauptet, dass man immer wieder zu seiner ersten Liebe zurückkehren wird. Nun ja, Virginia Jetzt! und ich mögen nach Blühende Landschaften noch nicht so weit sein, doch bis zum nächsten Überzeugungsversuch reicht es mir auch, mich lediglich unschuldig an ihren Arm zu kuscheln, während die kurz entflammten Wänglein langsam wieder an Farbe verlieren.

Homepage: www.virginia-jetzt.de
MySpace: www.myspace.com/virginiajetzt

Text: Anne-Sophie Kretschmer