Rezensionen & Tonträger Lisa, 29.06.2009
VNV Nation – Of Faith, Power And Glory
Dass VNV Nation Ausnahmemusiker sind, steht außer Frage. Das sich hinter diesem Alias verbergende Duo Ronan Harris und Mark Jackson steht seit mehr als einer Dekade für richtungsweisenden Futurepop, der sich kontinuierlich weiterentwickelt. Mit Of Faith, Power And Glory liegt seit dem 19.06. das nunmehr siebte Album der Ausnahmeformation vor. Nach Judgement wurden wieder hohe Erwartungen in die neue Veröffentlichung gesetzt, die sich für die Fans erfüllen dürften. Of Faith, Power And Glory ist so gut durchdacht und arrangiert, dass sich kaum etwas Vergleichbares findet.
Hält man das Album in den Händen, wird schnell klar, dass Of Faith, Power And Glory nicht allein von den auf ihm enthaltenen Musikstücken lebt. Das Coverartwork, das von dem polnischen Künstler Michal Karcz geschaffen wurde, repräsentiert die Kehrseite der im Titel aufgeführten Ideale. Es macht deutlich, dass auch die aufrichtigsten Grundsätze in das zerstörerische Gegenteil umschlagen können. Wieder sind es die dunklen Emotionen, die Doppeldeutigkeit des menschlichen Daseins und die sich daraus ergebenden Widersprüche und Konsequenzen, die Ronan Harris in seiner Musik und seinem Songwriting interessieren. Of Faith, Power and Glory ist ein besonderes Album, ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk.
Mit dem Intro Pro Victoria wird der Hörer in das unglaublich durchdachte Werk hineingezogen, das sich in den nächsten rund 50 Minuten über ihn ausspannen wird. Das Intro ist sehr gelungen, klingt monumental und schon fast nach dem Instrumentalstück auf einem Soundtrack. Trotzdem hält das Kommende noch genügend Überraschungen bereit. In Hinsicht auf die Songtexte soll das Album diesmal weniger betrachtet werden, da die Texte von VNV Nation prinzipiell für Jeden etwas Anderes bedeuten können.
Wer nach dem Genuss des Intros Großes erwartet, wird nicht enttäuscht. Sentinel legt los, eine typische VNV Nation-Midtempo-Nummer. Getragen von den dominanten Flächen und Ronan Harris’ unverwechselbarer Stimme tritt der Song in die Fußstapfen von Klassikern wie Perpetual. Es folgt Tomorrow never comes, ein Song, der das Tempo merklich anzieht. Der apokalyptische Text wird von Flächen getragen, die deutliche Anleihen an moderne House-Stücke erkennen lassen. Der Bass treibt mit seinem 4/4-Takt deutlich nach vorn, während die Pianomelodie fast schon an Robert Miles’ Children erinnern will. Tomorrow never comes beweist, dass VNV Nation sich auch mit ihrem siebten Album immer wieder neu erfinden. Neue Einflüsse, neue Herangehensweisen werden aufgenommen und ausprobiert. The Great Divide hält insofern eine weitere Überraschung bereit: Gitarrensamples. Diese fügen sich perfekt in die fast schon ungewohnt optimistische Melodie ein. Abschrecken lassen sollte man sich von dieser Beurteilung allerdings nicht. The Great Divide ist kein Popsong, sondern die logische Weiterentwicklung des Stils, den Ronan Harris von Anfang an mit seinem Projekt verfolgt. Der Text ist gewohnt nachdenklich, Ronans Gesang bringt eine bittersüße Ebene in dieses Stück. Es folgt der (fast) emotionalste Song des Albums: Ghost. Die sphärische Musik hält sich dezent im Hintergrund. Kein tanzbares Stück, dafür gehört dieses allerdings zu denjenigen Stücken des Duos, die zum Zurücklehnen und Träumen einladen.
Nach Ghost wird das Tempo gnadenlos angezogen. Art of Conflict tritt die Nachfolge von Momentum an, schraubt sich ähnlich in die Höhe und klingt schrill in den Ohren nach. Der Text zitiert Passagen aus Über die Kriegskunst von Sun Tsu, tritt allerdings deutlich hinter der sehr dominanten Musik zurück. Verschachtelte Melodie, treibender Bass und schrille Flächen – Art of Conflict wird seine Freunde in den Clubs finden. Das folgende In defiance beginnt mit einem ähnlichen Rauschen, wie der Vorgänger endet, ist allerdings wieder melodischer und erneut ungewohnt optimistisch. Ronan Harris’ Stimme klingt fröhlich und zieht eindeutig nach vorn.
Nachdem das Tempo mit Verum Aeternus wieder deutlich zurückgenommen wurde, folgt das wohl emotionalste Stück, das VNV Nation jemals geschaffen haben: From my hands. Dieser Song hat einen ähnlichen Gänsehautfaktor wie das bekannte Beloved, stellt letzteres allerdings schon fast in den Schatten. Die Dichte des Stücks und Ronan Harris’ Stimme, die die Verzweiflung und Trauer perfekt transportiert, sorgen bei jedem Anhören für Gänsehaut.
Erneut etwas optimistischer entlassen VNV Nation ihre Fans mit Where There Is Light zurück in die reale Welt. Der Song weist wieder eindeutig nach vorn, erhält allerdings durch diverse Ausflüge in Molltonarten erneut eine bittere Note.
Die Qualität dieses Meisterstücks sprachlich adäquat wiederzugeben, ist nahezu unmöglich. Of Faith, Power And Glory ist jedenfalls ein sehr großer Wurf in der Bandgeschichte von VNV Nation. Viele neue Einflüsse beweisen, dass Mark Jackson und Ronan Harris keinesfalls eingerostet sind, sondern vielmehr immer noch offen für Experimente. Trotzdem werden sich auch altgediente Fans mit dem neuen Album anfreunden können, da viel VNV-Nation-typisches Material geliefert wird. Die Qualität von Songwriting und Arrangement hat ebenfalls nicht nachgelassen: die Songs ziehen ihre Zuhörer in eigene Welten und laden gleichermaßen zum Träumen und zum Tanzen ein. Insgesamt ist dieses Album eines der besten und ausgewogensten, die VNV Nation jemals veröffentlicht haben.
Homepage: www.vnvnation.com
MySpace: www.myspace.com/vnvnation

Text: Lisa Kleinberger
29 Jun 2009, 4:14 pm 1.petra scheidt-koenig…
großartig!
ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen und höre diese cd den ganzen tag rauf u runter u die emotionen wechseln ständig.
ein wahres meisterwerk
petra
29 Jun 2009, 4:56 pm 2.Tim…
Das beste VNV Album ever.
Die Rezension trifft es auf den Punkt.
Tim
27 Aug 2009, 7:22 pm 3.Paddy1976…
Einzigartig!
Ein spitzen Album!
26 Sep 2009, 7:17 pm 4.Herr Krohns…
Tut mir leid, aber das Album sehe ich eindeutig anders. Ich warte seit mittlerweile doch geraumer Zeit auf eine Weiterentwicklung bei VNV. Im Prinzip ist es immer noch der gleiche Stil wie auf Futureperfect – das ist schade, wenn man sich des enormen Entwicklungsprozesses von PtF über Empires bis eben Futureperfect erinnert.
Zugegeben, OFPAG ist besser als Judgement – aber das ist nach einem solchen “Konsensalbum” für eine Band wie VNV auch Pflicht. Ein paar Nummern sind wirklich gelungen, aber Stücke wie “The Great Divide” bleiben – zumindest bei mir – nicht hängen. Ein großer Fan der Balladen von Herrn Harris war ich überdies nie. In diesem Zusammenhang nervt mich regelrecht, dass er jetzt bewusst und inflationär mit gebrochen-zitternd klingender Stimme arbeitet. Ein in meinen Augen schlimmer Ansatz – dadurch wird er nämlich leider nicht automatisch zu Johnny Cash während der American Recordings…
Was ich überdies nicht verstehe, ist, wie man eine solche Lobhudelei wie Lisa Kleinberger ernsthaft veröffentlichen kann. Man kann OFPAG sicher mehr mögen als ich, okay, aber das es sich hierbei nicht um einen Meilenstein der Electro- & EBM-Musik handelt, ist doch wohl bitte jedem klar, oder? SO LOBEND würde ich nicht einmal über “Front by Front”, “Violator” oder “Too Dark Park” äußern. Diese “Jubelperserei” ist der Grund dafür, dass ich aufgehört habe, die einschlägigen Mags zu lesen. Ja, wir alle mögen diese Art von Musik, sonst würden wir uns hier nicht tummeln. Aber deshalb muss man aus den Protagonisten der Szene keine Ikonen machen und erst recht keine mittelprächtige Arbeit als Jahrhundertwerk feiern. Ein bisschen mehr kritische Distanz täte in meinen Augen gut.
Um am Ende versöhnlich zu werden: Trotz meiner Meckerei bin ich natürlich live dabei. Abende mit VNV machen nach wie vor großen Spaß – auch abseits der Festivals.
26 Sep 2009, 7:20 pm 5.Herr Krohns…
Nachtrag meinerseits:
Eine ziemlich treffende Rezession hat Thomas Pilgrim unter dem Titel “Ein todsicheres Ding” bei plattentests.de veröffentlicht. Liegt für mich deutlich näher bei der Wahrheit.
23 Oct 2009, 1:24 pm 6.Lisa Kleinberger…
Besser spät als nie, melde ich mich hier auch noch mal zu Wort.
Herr Krohns, ich kann Ihren Standpunkt durchaus verstehen. Verstehen, nicht mehr und nicht weniger, denn “gute” Musik ist Geschmackssache, genau wie schlechte Geschmackssache ist.
Bei einer Band, die mittlerweile so bekannt ist wie VNV Nation, treffen dabei verschiedene Lager aufeinander. Es gibt (natürlich) diejenigen, die VNV Nation über alles stellen, genau wie es die gibt, die (im übertragenen sinne) schreiend weglaufen, wenn auch nur ein Ton von der Band gespielt wird. Dazwischen gibt es dann natürlich die Leute, Fans oder nicht, die VNV Nation gerne hören und irgendwo zwischen diesen Extremen stehen. VNV Nation polarisiert – und wer das Interview mit Ronan gelesen hat, weiß auch, dass die Musik von VNV Nation selbst eine Polarisation hervorruft. Viele halten ein einzelnes Album für das Nonplusultra.
Ich persönlich, ich stehe zwischen den beschriebenen Extremen. Irgendwo. Ich mag VNV Nation sehr, wie man an der Rezension sicherlich auch sehen kann. Trotzdem ist diese Rezension nicht die “Lobhudelei” eines Fans, der die Grenze zwischen “Fan-Sein” und “jemanden zur Ikone erheben” nicht mehr unterscheiden kann. Ich höre die Musik gern, wie ich zB auch Rotersand, Chamber oder – wenn ich in der richtigen Stimmung bin – Nachtmahr gerne höre. Trotzdem ist etwa “Alle Lust Will Ewigkeit” von letzteren nicht besonders gut weggekommen. Ich gehe mit den meisten Alben anders um als manch anderer Rezensent, und wahrscheinlich auch anders, als der Eine oder Andere lesen will.
Aber wenn mir ein Album wirklich gefällt, sollte ich das nicht auch audrücken (dürfen)? Oder muss man immer versuchen, das Haar in der Suppe zu finden, damit man eine imaginierte “kritische Distanz” wahrt, die offensichtlich immer damit einhergeht, dass eine CD nicht zu 100% gut sein kann?
Geschmack ist extrem subjektiv. Ich mag die CD, weil sie mich berührt – mehr als “Judgement”, und auch mehr als andere Alben, die ich hier rezensiert habe. Lob, ja, mein Gott, wie will man den Text sonst bezeichnen – aber “Lobhudelei”? Ich denke nicht. Ich arbeite glücklicherweise nicht für ein Mag, das mir sozusagen vorschreibt, welche CD ich für gut zu befinden habe.
Dieses Album gefällt mir einfach auf ganzer Linie und zu der Meinung stehe ich auch.