Dass VNV Nation Ausnahmemusiker sind, steht außer Frage. Das sich hinter diesem Alias verbergende Duo Ronan Harris und Mark Jackson steht seit mehr als einer Dekade für richtungsweisenden Futurepop, der sich kontinuierlich weiterentwickelt. Mit Of Faith, Power And Glory liegt seit dem 19.06. das nunmehr siebte Album der Ausnahmeformation vor. Nach Judgement wurden wieder hohe Erwartungen in die neue Veröffentlichung gesetzt, die sich für die Fans erfüllen dürften. Of Faith, Power And Glory ist so gut durchdacht und arrangiert, dass sich kaum etwas Vergleichbares findet.

Hält man das Album in den Händen, wird schnell klar, dass Of Faith, Power And Glory nicht allein von den auf ihm enthaltenen Musikstücken lebt. Das Coverartwork, das von dem polnischen Künstler Michal Karcz geschaffen wurde, repräsentiert die Kehrseite der im Titel aufgeführten Ideale. Es macht deutlich, dass auch die aufrichtigsten Grundsätze in das zerstörerische Gegenteil umschlagen können. Wieder sind es die dunklen Emotionen, die Doppeldeutigkeit des menschlichen Daseins und die sich daraus ergebenden Widersprüche und Konsequenzen, die Ronan Harris in seiner Musik und seinem Songwriting interessieren. Of Faith, Power and Glory ist ein besonderes Album, ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk.

Mit dem Intro Pro Victoria wird der Hörer in das unglaublich durchdachte Werk hineingezogen, das sich in den nächsten rund 50 Minuten über ihn ausspannen wird. Das Intro ist sehr gelungen, klingt monumental und schon fast nach dem Instrumentalstück auf einem Soundtrack. Trotzdem hält das Kommende noch genügend Überraschungen bereit. In Hinsicht auf die Songtexte soll das Album diesmal weniger betrachtet werden, da die Texte von VNV Nation prinzipiell für Jeden etwas Anderes bedeuten können.
Wer nach dem Genuss des Intros Großes erwartet, wird nicht enttäuscht. Sentinel legt los, eine typische VNV Nation-Midtempo-Nummer. Getragen von den dominanten Flächen und Ronan Harris’ unverwechselbarer Stimme tritt der Song in die Fußstapfen von Klassikern wie Perpetual. Es folgt Tomorrow never comes, ein Song, der das Tempo merklich anzieht. Der apokalyptische Text wird von Flächen getragen, die deutliche Anleihen an moderne House-Stücke erkennen lassen. Der Bass treibt mit seinem 4/4-Takt deutlich nach vorn, während die Pianomelodie fast schon an Robert Miles’ Children erinnern will. Tomorrow never comes beweist, dass VNV Nation sich auch mit ihrem siebten Album immer wieder neu erfinden. Neue Einflüsse, neue Herangehensweisen werden aufgenommen und ausprobiert. The Great Divide hält insofern eine weitere Überraschung bereit: Gitarrensamples. Diese fügen sich perfekt in die fast schon ungewohnt optimistische Melodie ein. Abschrecken lassen sollte man sich von dieser Beurteilung allerdings nicht. The Great Divide ist kein Popsong, sondern die logische Weiterentwicklung des Stils, den Ronan Harris von Anfang an mit seinem Projekt verfolgt. Der Text ist gewohnt nachdenklich, Ronans Gesang bringt eine bittersüße Ebene in dieses Stück. Es folgt der (fast) emotionalste Song des Albums: Ghost. Die sphärische Musik hält sich dezent im Hintergrund. Kein tanzbares Stück, dafür gehört dieses allerdings zu denjenigen Stücken des Duos, die zum Zurücklehnen und Träumen einladen.
Nach Ghost wird das Tempo gnadenlos angezogen. Art of Conflict tritt die Nachfolge von Momentum an, schraubt sich ähnlich in die Höhe und klingt schrill in den Ohren nach. Der Text zitiert Passagen aus Über die Kriegskunst von Sun Tsu, tritt allerdings deutlich hinter der sehr dominanten Musik zurück. Verschachtelte Melodie, treibender Bass und schrille Flächen – Art of Conflict wird seine Freunde in den Clubs finden. Das folgende In defiance beginnt mit einem ähnlichen Rauschen, wie der Vorgänger endet, ist allerdings wieder melodischer und erneut ungewohnt optimistisch. Ronan Harris’ Stimme klingt fröhlich und zieht eindeutig nach vorn.
Nachdem das Tempo mit Verum Aeternus wieder deutlich zurückgenommen wurde, folgt das wohl emotionalste Stück, das VNV Nation jemals geschaffen haben: From my hands. Dieser Song hat einen ähnlichen Gänsehautfaktor wie das bekannte Beloved, stellt letzteres allerdings schon fast in den Schatten. Die Dichte des Stücks und Ronan Harris’ Stimme, die die Verzweiflung und Trauer perfekt transportiert, sorgen bei jedem Anhören für Gänsehaut.
Erneut etwas optimistischer entlassen VNV Nation ihre Fans mit Where There Is Light zurück in die reale Welt. Der Song weist wieder eindeutig nach vorn, erhält allerdings durch diverse Ausflüge in Molltonarten erneut eine bittere Note.

Die Qualität dieses Meisterstücks sprachlich adäquat wiederzugeben, ist nahezu unmöglich. Of Faith, Power And Glory ist jedenfalls ein sehr großer Wurf in der Bandgeschichte von VNV Nation. Viele neue Einflüsse beweisen, dass Mark Jackson und Ronan Harris keinesfalls eingerostet sind, sondern vielmehr immer noch offen für Experimente. Trotzdem werden sich auch altgediente Fans mit dem neuen Album anfreunden können, da viel VNV-Nation-typisches Material geliefert wird. Die Qualität von Songwriting und Arrangement hat ebenfalls nicht nachgelassen: die Songs ziehen ihre Zuhörer in eigene Welten und laden gleichermaßen zum Träumen und zum Tanzen ein. Insgesamt ist dieses Album eines der besten und ausgewogensten, die VNV Nation jemals veröffentlicht haben.

Homepage: www.vnvnation.com
MySpace: www.myspace.com/vnvnation

Text: Lisa Kleinberger