Man wundert sich doch immer wieder. Da klingelt ganz ohne Vorwarnung die Briefträgerin und kommt mit einem Übergabeeinschreiben aus Russland. Ein überraschter Blick in den Umschlag zeigte schnell: Ein wirklich schön gestaltetes CD-Cover mit einem Foto winterlicher Bäume und einer dahinter liegenden Eisfläche auf hohem ästhetischen Niveau. Darauf der Schriftzug: Waldsonne – Wanderer. Mit Wanderer legt das russische Quartett (teils unterstützt von insgesamt drei Gastmusikern) ihr Debüt vor, das in seinen elf Stücken weitestgehend ruhig gehaltenen Folk mit deutlich hörbarer russischer Prägung spielt.

Es ist zwar immer wieder etwas heikel, Musik eine Affinität zu einer bestimmten Jahreszeit zuzuschreiben, wenn diese nicht gerade als programmatische Musik für solche gekennzeichnet ist, dennoch muss man sagen, dass die Musik eine behagliche Wärme ausstrahlt, die man wohl vor allem zu produzieren imstande ist, wenn man sich von ansehnlichen kalten Landschaften inspirieren lässt. Die Instrumente wie auch die Art der Spielweise zeigt sich dabei sehr stark an traditionelle russische Folklore angelehnt, beinhaltet aber auch Einflüsse anderer Kulturkreise, wie beispielsweise der gelegentlich genutzte Dudelsack zeigt sowie die im Booklet mit verzeichnete „Irish Harp“.

Das Gros des Albums wird ausgemacht von ruhigen Klanglandschaften, die durch atmosphärische Klänge wirken, wie beispielsweise in Over the Earth, das ruhige Klänge von Cello und gezupfter Akustik-Gitarre beinhaltet und dabei von der warmen Stimme Veronika Martynovas getragen wird, die hier lautmalerisch arbeitet. Neben Lautmalerei gibt es aber auch instrumentale Stücke und welche mit so etwas wie „richtigem“ Gesang – zum Beispiel Leben eines Mannes (Life of a Man), das auf Deutsch mit russischem Akzent auf poetische Weise genau das vertont, was bereits der Songtitel sagt.

Zwar sind die meisten Titel in ruhigerer Art und Weise gehalten, mit Call for the Sun und Autumn Fair aber gibt es zudem auch noch zwei Folk-Stücke der treibenderen Sorte, die das Album gut abrunden. Waldsonne ist somit ein wirklich schönes, warmherziges und sehr kohärentes Album gelungen, das vor allem von der den Klängen innewohnenden Schönheit lebt. Sicherlich ist es kein Album, bei dem man erwarten sollte, dass es hochspektakulär zugeht, dafür bewegt man sich hier aber auch im falschen musikalischen Metier. Stattdessen gibt es viel Atmosphäre, die es einem warm werden lässt. Und man muss nun doch wieder den Bezug zur Jahreszeit herstellen: Genau die richtige CD für den kommenden Winter (wobei es natürlich nicht verboten ist, sie auch danach noch zu hören).

Homepage: waldsonne.woods.ru
MySpace: www.myspace.com/waldsonnefolk

Text: Marius Meyer